In der ARD sind die Prioritäten klar gesetzt. Die Tagesschau wird verschoben, bis nach den Interviews mit mehr oder weniger am Spiel beteiligten Personen. Nach Wichtigkeit gewichtet sind das der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin und der Bundestrainer. Und vor der Tür gröhlt und schreit der Pöbel. Der ist der Grund, warum ich inständig gehofft habe, die deutsche Mannschaft möge endlich aus dem Turnier ausscheiden. Ich bin offenbar unempfänglich für Masseneuphorie. Was habe ich denn davon, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft ein Tor schießt? Inwiefern ist das so wichtig für mein Leben, dass ich aufspringen und schreien muss? Warum soll ich mich mit Menschen zusammen freuen, mit denen ich normalerweise aus guten Gründen nichts zu tun haben möchte? Freude schön und gut. Aber doch bitte nicht vollkommen grundlos. Neulich hörte ich, mit Bezug auf den Lärm zum Spiel, die Begründung “Das muss laut sein!” Aber warum denn? Kann Freude nur dann empfunden werden, wenn man anderen auf die Nerven geht?

Vielleicht fehlt mir die Fähigkeit, Belangloses zu überhöhen, um enthemmtes Verhalten zu rechtfertigen. Ich werde nie schreien, wenn ein Ball in ein Tor fliegt. Ich werde nicht hupend durch die Stadt fahren, wenn fremde Leute ein Turnier gewinnen. Ich werde keine Nationalfarben zur Schau tragen, wenn ein Turnier mit internationaler Beteiligung stattfindet. Denn: warum um alles in der Welt sollte ich, sollte irgendjemand das tun? Was momentan stattfindet, finde ich daher bestenfalls suspekt, teilweise beängstigend. Die Bekloppten und Bescheuerten sind zur Zeit völlig unberechenbar und dazu deutlich aufdringlicher als sonst.

Dabei ist es nicht die Angst vor dem, was dieses “neue Nationalgefühl” bedeuten kann. Ich glaube nicht an einen Wandel vom schwarz-weiß-roten zum schwarz-rot-goldenen Reich. Die aktuelle Nationaltümelei ist in meinen Augen nur albern. Die wenigsten der momentan sehr zahlreichen Standartenträger der Bundesrepublik Deutschland haben mehr zur Erlangung ihrer Staatsangehörigkeit beigetragen, als einfach geboren zu werden. Und doch schweißt ein diffuser Stolz sie nun alle zusammen. Vereint in grundlosem Jubel. Na ja, sollen sie ruhig. Etwas mehr, um nicht zu sagen überhaupt etwas, Rücksicht wäre bloß schön. Wie gesagt gibt es durchaus Menschen, die Spaß anders messen als in Dezibel und Promille.