June 2006


In der ARD sind die Prioritäten klar gesetzt. Die Tagesschau wird verschoben, bis nach den Interviews mit mehr oder weniger am Spiel beteiligten Personen. Nach Wichtigkeit gewichtet sind das der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin und der Bundestrainer. Und vor der Tür gröhlt und schreit der Pöbel. Der ist der Grund, warum ich inständig gehofft habe, die deutsche Mannschaft möge endlich aus dem Turnier ausscheiden. Ich bin offenbar unempfänglich für Masseneuphorie. Was habe ich denn davon, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft ein Tor schießt? Inwiefern ist das so wichtig für mein Leben, dass ich aufspringen und schreien muss? Warum soll ich mich mit Menschen zusammen freuen, mit denen ich normalerweise aus guten Gründen nichts zu tun haben möchte? Freude schön und gut. Aber doch bitte nicht vollkommen grundlos. Neulich hörte ich, mit Bezug auf den Lärm zum Spiel, die Begründung “Das muss laut sein!” Aber warum denn? Kann Freude nur dann empfunden werden, wenn man anderen auf die Nerven geht?

Vielleicht fehlt mir die Fähigkeit, Belangloses zu überhöhen, um enthemmtes Verhalten zu rechtfertigen. Ich werde nie schreien, wenn ein Ball in ein Tor fliegt. Ich werde nicht hupend durch die Stadt fahren, wenn fremde Leute ein Turnier gewinnen. Ich werde keine Nationalfarben zur Schau tragen, wenn ein Turnier mit internationaler Beteiligung stattfindet. Denn: warum um alles in der Welt sollte ich, sollte irgendjemand das tun? Was momentan stattfindet, finde ich daher bestenfalls suspekt, teilweise beängstigend. Die Bekloppten und Bescheuerten sind zur Zeit völlig unberechenbar und dazu deutlich aufdringlicher als sonst.

Dabei ist es nicht die Angst vor dem, was dieses “neue Nationalgefühl” bedeuten kann. Ich glaube nicht an einen Wandel vom schwarz-weiß-roten zum schwarz-rot-goldenen Reich. Die aktuelle Nationaltümelei ist in meinen Augen nur albern. Die wenigsten der momentan sehr zahlreichen Standartenträger der Bundesrepublik Deutschland haben mehr zur Erlangung ihrer Staatsangehörigkeit beigetragen, als einfach geboren zu werden. Und doch schweißt ein diffuser Stolz sie nun alle zusammen. Vereint in grundlosem Jubel. Na ja, sollen sie ruhig. Etwas mehr, um nicht zu sagen überhaupt etwas, Rücksicht wäre bloß schön. Wie gesagt gibt es durchaus Menschen, die Spaß anders messen als in Dezibel und Promille.

Da draußen laufen soviele Bekloppte und Bescheuerte rum. Eine Straße in der Nähe war blockiert, weil ein Bus einem anderen Wagen reingefahren war. Nun fingen die Idioten von beiden Seiten erstmal an zu hupen und zu meckern. Als ließe sich die Situation schneller klären, indem sie allen gehörig auf die Nerven gehen. Es gibt Tage, da schreien die Leute nach Prügel.

Ich habe das Archiv entfernt. Alte Einträge sind, mangels anderer Möglichkeiten, nun passwortgeschützt. Das Blättern funktioniert dementsprechend auch nicht mehr, daher habe ich den Kalender und die Übersicht der Kategorien aus der linken Leiste entfernt.

Warum ich das getan habe? Ich wollte nicht das Risiko eingehen, über längst vergessene, aber abmahnfähige Inhalte zu stolpern. Traurig, ja.

Der Wahnsinn hat begonnen” übertitelt Telepolis einen Artikels über die Sicherheitsmaßnahmen anlässlich der Ankunft der US-amerikanischen Fußballnationalmannschaft in Hamburg. Ich war empört. Aber auch glücklich. Endlich kann ich mir mal ansehen, wie Steuergelder verschwendet werden, um eine private Veranstaltung, denn das ist die Fifa Fußball-WM letztendlich, mit öffentlichen Geldern gefördert wird. Nun, was ich sah, führte mir vor Augen, dass man auch und gerade bei alternativen Nachrichtenseiten, wie Telepolis oder Indymedia, sehr, sehr vorsichtig sein muss. Dort finden sich ebenso tendenziöse Artikel wie bei den, auch von mir, oft beschimpften Mainstream-Medien. Denn von der Hundertschaft keine Spur, nicht ein Polizist war zu sehen. Offenbar war die Mannschaft gerade nicht im Hotel. Aber auch Absperrungen oder einen durch Sicherheitsmaßnahmen irgendwie beeinträchtigten Hotelbetrieb konnte ich nicht bemerken. Eitel Sonnenschein, Gäste aßen Eis und Ruhe überall.

X-Men: The Last Stand, dritter Teil des X-Men-Franchise, ist kein guter Film. Objektiv betrachtet. Das Drehbuch entspricht in etwa dem Niveau der beiden Vorgänger und der Regisseur der beiden Rush Hour-Filme leistet handwerklich solide Arbeit. Und das reicht eben nicht. Man sah zu vielen der Schauspieler an, dass sie nicht so richtig mit Lust bei der Arbeit waren. Allen voran Halle Berry. Angeblich wollte sie nur mitwirken, wenn ihrem Charakter mehr Platz eingeräumt wird. Nun, sie hat dennoch mitgespielt. Nicht besonders gut, aber da war sie nicht allein. Zugegeben, das Drehbuch ließ wohl nicht viel Raum für die Persönlichkeit der Protagonisten. Und mal ehrlich, wer guckt sich X-Men in der Erwartung an, tiefgehende Charakterstudien zu sehen? Hoffentlich niemand. Aber es waren nicht nur die Schauspieler oder das Drehbuch. Zu vielen der Sets sah man an, dass sie in einer Soundstage standen. Eine Sünde, geboren aus Routine und Sparsamkeit. Es ist natürlich einfacher, alles in einer Halle aufzubauen, in der alle Variablen kontrollierbar sind. Dafür sehen dort gedrehte Szenen dann meistens auch steril und unecht aus. Und das zerstört jegliche Atmosphäre, die auch bei einem Actionfilm von der Stange wichtig ist.
Subjektiv betrachtet hingegen hatte ich Spaß. Wenn man das Genre mag und keine hohen Erwartungen hat, wird man durchaus 90 Minuten unterhalten. Und man sollte nicht den Fehler machen, vor Ende des Abspanns aus dem Kino zu laufen.